RAY Dayskipper, Herbst 2019 im Solent/UK

von swissSailor Stephan Hofmann am 21.12.2020 / in Allgemein

Einleitung:

Die Royal Yachting Association (RYA) bietet verschiedene Zertifikate im Bereich Schiffsführung an. Die verschiedenen Scheine sind Modulartig aufgebaut. Die erste Qualifikation beinhaltet den RYA-Dayskipper. Diese Qualifikation wird am Ende der Trainingswoche durch den Instructor ausgehändigt, sofern dieser davon überzeugt ist, dass der Anwärter eine Segelyacht bei Tag in vertrautem Gewässer sicher handhaben kann. Anschliessend gilt es für die Prüfung zur nächst höheren Qualifikation, dem Yacht-Master (YM) Costal 800 Nautische Meilen (NM), davon mindestens 400 NM im Gezeitengewässer, abzulegen.

Die RYA-Prüfer beobachten den angehenden YM während rund acht Stunden. Von Interessen ist die Führung der Crew sowie die nautischen Fähigkeiten. Zwischendurch unterhält sich der Prüfer mit dem angehenden YM über verschiedene Fachthemen wie Vorfahrtsregeln auf See, Seezeichen oder das Wetter. Eine separate, theoretische Prüfung ist möglich, wird jedoch nicht verlangt. Der Prüfer stellt sich am Ende der Prüfung die zentrale Frage: Würde der Prüfer seine Familie diesem Prüfling für eine Überfahrt mit einem Boot anvertrauen oder nicht? Bei einem Ja erhält man die Qualifikation YM.

Im Herbst 2019 absolvierte ich ein Yachtmaster-Training im Solent/UK. Am Ende dieser Woche wollte ich die Qualifikation eines RYA-Dayskipper in der Tasche haben. Mit an Bord waren Nicole, Thomas, Pascal, Norbert und unser Instructor Clemens von MCO-Sailing Academy. Die bunt zusammengewürfelte Crew teilte sich den Platz auf einer 37-Fuss-Yacht mit dem klingenden Namen D’ARTAGNAN, einer Beneteau Oceanis. Einige Mitglieder der Crew hatten über tausend Seemeilen Erfahrung, während ich mich das erste Mal an Bord einer Segelyacht dieser Grösse befand.

Segelmanöver vor Cowes/UK:

Cowes/UK ist eine Hafenstadt auf der Isle of Wight. Bei Cowes/UK mündet der River Medina in den Solent ein. Unter Segel steuern wir das Flussdelta an, um bei einer dortigen Marina die kommende Nacht zu verbringen. Es wird bereits langsam dunkel. Der Auftrag des Instructors an unseren Skipper (YM-Anwärter) lautet: Im engen Flussdelta die Segel bergen und unter Motorkraft auf dem River Medina an dem uns zugewiesenen Liegeplatz Flussaufwärts festmachen. Erschwerend kommt dazu, dass wir dabei die Cowes-Chain-Ferry (Kettenfähre) passieren müssen.

Der Skipper orientiert uns frühzeitig über die allgemeine Situation wie Wind, Strömung, den zu erwartende Schiffsverkehr, die spezifische Situation mit der Kettenfähre sowie den anzulaufenden Liegeplatz. Seine Absicht ist es, im Hafenbereich das Boot unter Motorkraft in den Wind zu drehen, die Segel zu bergen, anschliessend die Kettenfähre zu passieren um weiter Flussaufwärts am Liegeplatz festzumachen. Soweit der Plan. Das Manöver muss jedoch zügig ablaufen, da die Platzverhältnisse klein sind, werden wir sensibilisiert. Das Boot muss in Fahrt bleiben, damit die D’ARTAGNAN weiterhin Ruderwirkung hat und unter Kontrolle bleibt. Er teilt den einzelnen Crew-Mitgliedern je einen Auftrag zu. Dabei achtet er auf die jeweilige Erfahrung sowie der individuellen Fähigkeiten. Der Skipper weist darauf hin, dass es ihm besonders darauf ankommt, dass die Crew während dem Manöver mit der „Life-Line“ gesichert bleibt. Sein Standort werde am Ruder (Steuer) sein, von wo aus er das Manöver leiten will.

In kameradschaftlichem Ton wendet sich Clemens, unser Instructor zum Skipper. Falls Du bemerkst, dass es zu eng wird, musst Du Dir einen Punkt mental merken. Ab diesem Punkt musst Du das Manöver abbrechen und abdrehen. Die Quai-Mauer lässt sich nicht verschieben, meint Clemens lachend. Beim Segeln musst Du immer mindestens einen Plan B in der Hinterhand haben. Clemens wiederholt nochmals kurz, was in diesem Fall segeltechnisch zu tun wäre. Das Grosssegel (Mainsail) muss so ausgerichtet werden, damit kein Druck entsteht und das Boot in der Folge in Fahrt gesetzt wird und oder die D‘ARTAGNAN in starke Schräglage gedrückt wird.

Auf das „Go“ des Skippers dreht dieser die D’ARTAGNAN bei eingeschalteter Maschine in den Wind. Die Segel werden geborgen während sich das Boot immer mehr der Quai-Mauer nähert. Der Skipper ist bemüht das Boot so langsam wie möglich und so schnell wie notwendig zu halten um der Crew Zeit zu verschaffen. Das Hauptsegel ist bis knapp zur Hälfte unten, als irgendetwas klemmt. Gleichzeitig gleitet das Boot in Richtung Quai-Mauer. Das Hauptsegel muss leicht hochgezogen werden, damit das verklemmte Fall gelöst werden kann. Während dem kommt die Quai-Mauer nochmals ein Stück näher. Durch die Topografie und die Gebäude weht der Wind nicht konstant aus einer Richtung. Der Skipper bemühts sich die Yacht im Wind halten, damit kein Druck auf das Hauptsegel entstehen kann. Gelingt ihm dies nicht, würde das Bergen des Segels verzögert. Und ach ja, das Boot gleitet immer noch in Richtung Quai-Mauer. Die Zeit rinnt dahin, die Quai-Mauer ist wiederum ein Stück näher gerückt, während sich die übrige Crew dem verklemmten Fall des Hauptsegels widmet. Nun endlich! Das verklemmte Fall ist gelöst und das Hauptsegel gleitet nach unten. Dort wird es gesichert und der Skipper kann endlich von der Quai-Mauer abdrehen – ein Glück für die Quai-Mauer *Ironie*.

Nun gilt es, die Kettenfähre sicher zu passieren. Die Abfahrt der Fähre wird durch ein gelbes Blinklicht angekündigt. Die Fahrstrecke beträgt lediglich wenige Meter und wir müssen diese zu einem Zeitpunkt passieren, bei der die Kette unter Wasser nicht gespannt ist. Bei einer gespannten Kette laufen wir Gefahr, mit unserem Kiel hängen zu bleiben. In einem günstigen Augenblick queren wir die Fahrstrecke ohne hängen zu bleiben.

Endlich gleiten wir unter Motor an unseren Liegeplatz. Die Anlegestelle liegt so, dass uns der Wind uns gegen den Steg drückt. Das Boot wird durch die inzwischen angebrachten „Fender“ sanft abgefedert und wir können das Boot festmachen. Der Druck der letzten Minuten fällt ab und wir albern erleichtert herum. Etwas später treffen wir uns im Boot. Dabei wird der Tag und die Erfahrungen nochmals nachbesprochen, bevor wir uns ins nächstgelegene Pub begeben.

Persönliche Erkenntnisse:

Ein solches Manöver im engen Hafenbereich war unter diesen anspruchsvollen Rahmenbedingungen neu.  Das Unbekannte erzeugte wohl bei den Meisten von uns einen tiefen Respekt vor der gestellten Aufgabe.

Die Vorbereitung auf das Manöver erfolgte strukturiert. Unabhängig davon, nach welcher Struktur gearbeitet wird, sie sollte stets nach einem gleichbleibenden Ablauf Antworten auf folgende Fragen geben:

  • Allgemeine Situation wie Strömung, Wind, Verkehrssituation etc.
  • Das Ziel und die Absicht
  • Die Rolle und der Auftrag des einzelnen Crew-Mitgliedes
  • Hinweis auf besondere Gefahren oder besonders wichtige Punkte
  • Die Erreichbarkeit oder in unserem Fall den Standort des Skippers

Menschen wollen in schwierigen Zeiten oder bei Herausforderungen Sicherheit. Eine gut strukturierte Vorbereitung der Crew gibt Aufschluss über den Auftrag an die gesamte Crew und definiert die Rolle und den Verantwortungsbereich jedes einzelnen Crew-Mitgliedes. Das wiederum schafft Vertrauen und ergibt eine mentale Sicherheit.

Der Plan B für den „Worst-Case“ ist die mentale Vorbereitung, um nicht in eine Schockstarre zu verfallen und in der Folge handlungsunfähig zu werden.

Der bewusste, mentale Switch von einem kollegialen, partizipativen Umgang zu einer klaren Hierarchie mit einer klaren Ansage vor und während eines Segelmanövers ist Teil eines YM-Trainings. Die Führung der Crew ist nebst den nautischen Herausforderungen einer der wichtigsten Voraussetzungen, um die Prüfung zum YM erfolgreich zu bestehen.

Links:

RYA-Trainingcenter:                  https://www.mco-sailing.com/

RYA Website :                              https://www.rya.org.uk

Yachtcharter :                             https://www.fairviewsailing.co.uk/

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